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Langensteinbach Mai 2011

Erschienen in MotorradABENTEUER Mai/Juni 2012

Karte-Langensteinbach

Fotogalerie Langensteinbach Mai 2011

EnduroPROjekt Langensteinbach
3 Tage Enduro pur

Im Dezember letzten Jahres schon hatte ich mich fĂŒr dieses Enduro Wochenende in Langensteinbach angemeldet. Dazwischen gab es viel Zeit, im Internet zu schmökern. Über die BodenverhĂ€ltnisse fand ich: „Lehmboden, der bei Regen zu einer unfahrbaren Schmierseife wird.“ und in den Videos auf YouTube war nur ein einziges, in dem eine Großenduro vom Schlager meiner Q zu sehen war, sonst nur Einzylinder. Warum filmen denn die anderen nicht, dachte ich mir.

Heute ist der 5. Mai 2011 und es ist sonnig. Über traumhafte Landstraßen quer durch Bayern und einen Zipfel der Tschechei erreiche ich nach 8 Stunden schließlich Penig, den nĂ€chst grĂ¶ĂŸeren Ort. An einer Tanke decke ich mich noch mit Bier ein, dann geht’s in Richtung GelĂ€nde.

Zu finden ist es leicht, fahren vor mir drei Wohnmobile und Transporter, die auf dem AnhÀnger diverse Sportenduros transportieren.

Ich bin beladen, wie fĂŒr eine Weltreise. Klappstuhl, Aluboxen, Wasser und Lebensmittel. Geschlafen wird im Fahrerlager, das war fĂŒr mich klar. Die Option in einem Hotelzimmer zu nĂ€chtigen und nur zum Fahren auf die Strecke zu gehen fĂ€llt fĂŒr mich in die Rubrik „Warmduscher“.

So sitze ich also am Donnerstag Abend um kurz nach sieben auf meinem Klappstuhl, habe die FĂŒĂŸe auf einer der Aluboxen und trinke ein Bier. Das Treiben um mich herum ist spektakulĂ€r. Ein Wohnmobil nach dem anderen erscheint, jeweils mit einem Haufen Crosskisten. KTM, BMW 450er, Husquarna, die HĂ€lfte 2-Takter und kein einziges mit einer Straßenzulassung. Meine Gummikuh mit 230 Kilo steht schrĂ€g vor mir und so langsam frage ich mich, ob ich hier richtig bin. Wenn schon keine schwere BMW hier auftaucht, wenigstens mal ein Mopped mit Straßenzulassung wĂ€re doch nett.
Gegen 10 ist es so eiskalt, dass ich mich in den Schlafsack verkrĂŒmle. Wir werden sehen, was der nĂ€chste Tag bringt

Freitag, 6. Mai 2011, erster Fahrtag – Widerwillig ziehe ich die eiskalte Enduro Hose an und schlage die vom Tau feuchte Zeltplane zurĂŒck. Es ist 8:00 Uhr und zahlreiche weitere Fahrer sind eingetroffen. Der Schotterparkplatz ist voll. Bei einer Tasse Kaffee beobachte ich, wie die ersten Teilnehmer beginnen, sich und die Bikes klar zu machen.

Fahrerlager3

Ok, denke ich mir: “Du drehst hier jetzt eine Runde und entscheidest dann, ob du drei Tage hier bleiben wirst oder stattdessen Leipzig und Chemnitz anschaust.”

Von den Offiziellen lasse ich mir das GelĂ€nde erklĂ€ren 35 ha groß, mit allem, was das Herz des Enduristen höher schlagen lĂ€sst – ganz besonders meines an diesem Morgen. Es existiert ein Rundweg, der vergleichsweise harmlos ist. In der Mitte befinden sich dann verschiedene Sektionen mit Steil Auf- und abfahrten, Wasserlöchern, Sand, Schlamm, etc.

Die Spiegel habe ich demontiert und die Griffeinheiten etwas gelöst, damit sie sich bei einem Sturz verdrehen können. Die Q hat seit kurzem tiefere Fußrasten, eine Bremshebel-VergrĂ¶ĂŸerung und eine 30 mm Lenkererhöhung. Den Schalthebel stelle ich nach oben, Fahren im Stehen funktioniert so wesentlich besser.

 

Vorsichtig mache ich mich auf den Weg, ĂŒber einige Kamelbuckel den ersten Hang hinauf. Oben ist es eben und staubig. Irgendwann ist der breite Weg zu Ende und ich biege nach rechts ab, fahre einen Hang hinunter. Der wird steiler und steiler und steiler… Mist, ich bin in dem Kessel mit den Steilauffahrten gelandet. Mein Blick kreist umher und ich bin sicher, meinen Lebensabend hier unten verbringen zu mĂŒssen. Wie soll ein Mensch diese HĂ€nge hinauf kommen?
Schließlich nehme ich allen Mut zusammen und fahre den gleichen Weg zurĂŒck. 5 Minuten nachdem ich vom Zelt gestartet bin, liege ich bereits das erste Mal auf der Nase. Irgendein Stein oder das wegrutschende Hinterrad hat die Q gegen einen Erdhaufen laufen lassen. Es klappt aber, ich kann sie problemlos aufstellen, das steilste StĂŒck liegt hinter mir und die letzten Meter den Hang rauf sind problemlos.
Gut, wo geht’s jetzt auf diesen Rundweg?

Vor mir laufen Spuren, die durch eine PfĂŒtze fĂŒhren. Vermutlich da lang. Weitere 2 Minuten spĂ€ter stecke ich in besagtem Schlammloch fest. Das Vorderrad macht einfach Plumps und nur die seitlich herausragenden Zylinder verhindern, dass die ganze Karre im Morast versinkt. Allein hier wieder raus zu kommen – keine Chance. Zwei Crosser mĂŒssen helfen. Wir ziehen die BMW zu dritt aus dem Schlamm.
Da hinten lĂ€uft der Weg erklĂ€rt mir einer. Ich blicke auf einen Trampelpfad, ausgewaschen, links und rechts zwei massive, steinharte LehmwĂ€lle. TatsĂ€chlich haben die Zylinder aber noch so viel Luft, dass ich auf diesem Single Trail weiter komme. Der Pfad wird breiter und ich bin nun offensichtlich auf besagtem Rundkurs. Tomm, an dieser Stelle vielen Dank nach Aras! Die meist gebrauchte Übung hier: Fahren in Spurrillen – Auf die Blickrichtung achten!!!
Ich achte und lande irgendwann wohl an der Abfahrt, die wieder ins Fahrerlager fĂŒhrt. Oh Gott ist die steil. Zudem ist sie mit LĂ€ngsrillen durchzogen, die ihresgleichen suchen. Locker 100 Meter lang, heißt es jetzt wirklich genau zu schauen, wohin das Vorderrad lĂ€uft.

TatsÀchlich komme ich heil da unten an, erreiche wieder mein Zelt, stelle das Bike ab und gebe mich erst mal recht cool. So, als ob ich das tÀglich mache. Die BMW besteht unterhalb des Motorblocks aus einem einzigen Erdbollen, die Felgen sind braun und meine nagelneue, unbenutzte Enduro Hose passt nun sowohl farblich als auch von der Konsistenz perfekt dazu.

Doch was soll‘s, es geht! Am Mopped liegt es nicht. Mit einem Stecken kratze ich den Schlamm aus den KĂŒhlrippen und starte zur nĂ€chsten Runde. Bleibe erst einmal oben auf dem freien Platz und ĂŒbe an einigen Sektionen, um ein GefĂŒhl fĂŒrs GelĂ€nde zu bekommen. Dann drehe ich eine Runde nach der anderen. Schneller und schnelle geht’s. Ich bekomme ein GefĂŒhl dafĂŒr, wie tief die Spurrinnen sein dĂŒrfen, damit ich mit dem Boxer nicht aufsetze. Es macht irre Spaß. Ganz klar habe ich aber ein riesen GlĂŒck mit dem Wetter. Der Boden ist hart und griffig. 1,2 bar habe ich in den Reifen, damit bin ich bestens bedient.

Unglaublich, wie ich schwitze. Mein T-Shirt ist bereits pitschnass. 2 große Wasserflaschen habe ich dabei und weiß jetzt schon, die sind heute Abend leer. Bei so etwas macht ein Camelbag wirklich Sinn.

Zwischenzeitlich ist Herbert mit seiner modifizierten GS auf dem Platz. 140er Hinterreifen, Gletter Heck und Rallye Cockpit. Er ist 57, erscheint hier jedes Jahr und ist bereits die Transdanubia gefahren. Er zeigt mir zahlreiche kleine Wege auf dem GelÀnde.
Das ist riesig. 1000 Möglichkeiten, sich zu verfahren oder irgendwo stecken zu bleiben. Da ist es gut, wenn man zu zweit unterwegs ist. Wie dieses Mal, als auch wieder eine LĂ€ngsrille einfach das Aus fĂŒr den Boxer bedeutet. Irgendwann hĂ€ngt das Hinterrad in der Luft und das war’s.

Meist sind es nur ein paar Meter, doch diese einen 230 kg schweren Eisenhaufen alleine ĂŒber Geröll auf den SturzbĂŒgeln nach vorne zu schieben – schwer.

Sand_vorne

Gegen Mittag erscheint Peter aus Köln mit seiner R 80 GS. Heute angereist. Wir wechseln ein paar Worte, ich muss aber los zu meinem gebuchten Training mit Marko Barthel. Hier bin ich allerdings wirklich fehl am Platz. 12 Leute in der Gruppe sind viel zu viel. Auch sind es alles diese leichten GelĂ€ndehopser.  Einer ist dabei mit einer KTM 950 Adventure - der hat zu kĂ€mpfen. Ab 45° SchrĂ€glage ist der “Point of no return” Dagegen ist die GS mit dem tiefen Schwerpunkt Gold. Ein paar gute Tipps zu Sitzhaltung und Gewichtsverlagerung in Kurven kommen bei mir an.

ResĂŒmee des ersten Tages: Begeisterung! Was mit diesem Motorrad alles möglich ist – einfach irre. Wenn ich jetzt noch etwas besser fahren könnte…

Abends geht’s zum Duschen ins Vereinsheim nach Downtown Langensteinbach. Wenn sonst nichts mehr zu spĂŒren ist vom Sozialismus rund ums ehemalige Karl-Marx-Stadt, hier kann man seine technischen Errungenschaften noch mal in vollen ZĂŒgen genießen.
Vor der Umkleidekabine des örtlichen Fußballklubs steht Thorsten, der sonst ebenfalls eine Q besitzt, hier aber mit seiner 450er KTM aufgeschlagen ist. Scheinbar bin ich im Fahrerlager bekannt, wie ein bunter Hund, wen wundert’s. Wir verabreden uns auf ein Bier den kommenden Abend dann betrete ich die Dusche.
Meine Oma hatte ein kleines HÀuschen, in dem musste man vor dem Baden einen Boiler mit Holz anheizen, um warmes Wasser zu bekommen. Absolut genau so lÀuft es hier ab. In einem grob verputzten Raum mit ein paar Duschköpfen unter denen Honecker wohl als Sprössling selbst schon stand, prasselt irgendwo in der Ecke ein Feuer unter dem Kessel. Meine Erfahrung mit der Dusche in der Syrischen Tankstelle 2009 kommt mir hier zugute und so konzentriere ich mich darauf, möglichst schnell, möglichst sauber zu werden, bevor ich den gastlichen Ort verlasse.

Samstag, 7. Mai 2011 – der zweite Fahrtag

Neben mir hat Reiner seinen Bus geparkt und die Werkstatt fĂŒr seine GasGas eingerichtet. Zusammen frĂŒhstĂŒcken wir.
Ich fĂŒhle mich bereits, wie Eddy Hau. Routiniert lasse ich die Q um kurz nach 9:00 an, schwinge mich auf die Rasten und begebe mich auf die Piste. Das Training beginnt heute bereits am Vormittag, mir erschien es sinnvoll, die Gruppen zu wechseln. Steilauffahrten sind das Thema. Wieder höre ich viel Bekanntes, nehme aber dennoch das ein oder andere mit.

Abfahrt1

Gegen Ende des Trainings geschieht dann genau das, wovor ich mich am meisten gefĂŒrchtet hatte. Unweigerlich steuert Marko die Abfahrt an, die ich bei meiner aller ersten Runde genommen hatte und wir landen in dem Kessel mit den SteilwĂ€nden. Doch nicht auf demselben Weg fahren wir zurĂŒck, die laaaange Steigung mit weit mehr, als 45° ist das Objekt der Begierde. Schaut man den Hang hinauf, sieht man nur Himmel.
Relaxt hĂ€ngt Marko mit halber Pobacke auf seinem 2-Takter und meint: „OK Jungs, 2. Gang und Gas, Gas, Gas…“ Da ich ein höflicher Mensch bin, lasse ich den anderen den Vortritt, dann stehen nur noch Marko und ich unten. Es hilft nichts. 1. Gang, noch in der Ebene in den 2. Dann drehe ich den rechten Griff nach unten, als ob meine Leben davon abhĂ€ngt. Mit einem tiefen Grollen zieht die BMW vollkommen problemlos ihre Bahn nach oben. Was bin ich fĂŒr ein Schisser, da geht noch so viel mehr!!

Gleich am Nachmittag probieren Peter und ich das aus. Fahren den lĂ€cherlichen HĂŒgel mehrmals nach oben. Der ein oder andere Kollege auf seiner KTM schaut etwas verdutzt. Tja Leute, ich darf Tomm einmal mehr zitieren: „Kann der Bauer nicht schwimmen, liegt’s nicht an der Badehose!“

Am spĂ€ten Nachmittag lassen wir es gut sein. Peter betreibt noch etwas Kartenstudium, will er gleich morgen in der FrĂŒh zurĂŒck nach Köln. Ich habe Reiner neben mir ĂŒberreden können, noch ein paar Fotos bei meinen GelĂ€ndeaktivitĂ€ten zu schießen und starte daher jetzt noch auf ein paar Runden mit der Helmkamera.

Sonntag, 8. Mai 2011 – dritter und letzter Fahrtag

Noch vor dem FrĂŒhstĂŒck packe ich zusammen, soweit es geht. Reiner und ich starten zu einer kurzen Foto-Runde, dann trete ich den Heimweg an.

Die Hinfahrt nur ĂŒber Landstraßen war dermaßen schön und das Wetter ist auch jetzt so perfekt, so dass ich die Route einfach umgekehrt in mein GPS eingebe.

Ich schraube die Spiegel wieder an, stelle den Schalthebel wieder etwas nach unten, ziehe die Armaturen fest und aus der „G“ wird wieder die „S“.
An der Tanke erhöhe ich den Luftdruck, dann geht es zurĂŒck ĂŒber kleinste Straßen ins heimatliche Bayern.

Was fĂŒr ein Wochenende, was fĂŒr ein geniales Motorrad!

 
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